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Saisonstart im Fürstentum: Bedeutende Chronographen bei der Monaco Legend Group

 

Die beiden Top Lose des Sales ‘Exclusive Time Pieces’ der Monaco Legend Group sind ‚Important Watches‘ von Patek Philippe und von Rolex.

Nicht nur wegen der legendären Rolex Daytona sind Chronographen seit langem die Favoriten passionierter Sammler. Von Uhren mit Stoppfunktion geht eine besondere Faszination aus. Es ist eine Komplikation, die hohe Uhrmacherkunst auf maskuline Art mit praktischem Nutzen verbindet. Man sieht Chronographen an den Handgelenken einflussreicher Persönlichkeiten unserer Zeit.

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Ein seltenes Ereignis: zwei bedeutende Uhren im gleichen Sale. Der Schleppzeiger Chronograph von Patek Philippe (Los 90) ist aus dem Jahr 1927 und ist auf € 0.5-1.0 mio. taxiert, der von Rolex (los 101) kommt aus 1942 und ist auf € 2.8 bis 5.6 mio. geschätzt

Die Geschichte der Chronographen beginnt ernsthaft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Uhren mit Stoppfunktion zur Messung von Pferderennen und anderen Sportereignissen populär wurden. Allerdings als Taschenuhren. Die Nachfrage nach Armbanduhren nahm erst im 20. Jahrhundert während des ersten Weltkriegs zu. Armbanduhren waren in den Schützengräben leichter zu handhaben als Taschenuhren. Chronographen waren in Gefechtssituationen besonders nützlich, wenn es z.B. darum ging, die Entfernung der gegnerischen Linien zu schätzen.  Die Zeit, die vom Sehen bis zum Hören des Mündungsfeuers vergeht, erlaubt es, den Abstand mit der Telemeter Skala recht zuverlässig zu bestimmen, da sich Schall mit einer gleichbleibenden Geschwindigkeit ausdehnt. Über die Tachymeter Skala lassen sich Geschwindigkeiten messen, indem die Zeit gestoppt wird, die zur Überwindung einer gegebenen Strecke benötigt wird. In Serie wurden Chronographen für das Handgelenk aber erst in den 1920er Jahren gefertigt.

 

Die Patek Philippe von 1927 (Los 90) und Die Rolex von 1942 (Los 101) sind nicht einfache Chronographen, sondern Schleppzeiger- oder Split Seconds Chronographen. Der ‚Rattrapante‘ ist ein zweiter, zentraler Zeiger, der mit dem Chronographen Zeiger synchronisiert wird und separat gestoppt werden kann. Das ermöglicht das Messen von Zeitintervallen. Einfache Chronographen eignen sich dagegen nur zur Messung zeitlich abgeschlossener Ereignisse.

Tele- und Tachymeter Skalen der Rolex Ref. 4113, case 051314, ©Cristies 2013

Die beiden Schleppzeiger Chronographen von Rolex und Patek im Sale sind ‚Important Watches‘ und eignen sich gut, den Unterschied in der Philosophie der beiden Häuser zu verstehen.  Chronographen sind komplizierte Uhrwerke. Die Essenz der Marke Patek Philippe lag von Anfang an darin, Komplikationen zu miniaturisieren. Handwerklich perfekt ausgeführt, wurden die Uhren einem exklusiven Kreis von Enthusiasten zugänglich gemacht. Kein Wunder also, dass man bei Chronographen für das Handgelenk Pionier sein wollte.

 

Allerdings bot der Spezialist für Chronographen Rohwerke aus dem Valleé de Joux, die Reymond Frères SA, (ab 1925 Valjoux SA) mit dem Kaliber Valjoux 22-GH in den 1920er Jahren schon ein Ebauche an, das mit seinen 33.84 mm (15 Linien) klein und auch verlässlich genug war, um sich zu einer Armbanduhr verarbeiten zu lassen.

Chronographen Werke der Valjoux SA zwischen den 1920er und 1940er Jahren. Das Kaliber VJ 22-GH machte den Anfang mit 15 Linien gefolgt vom 14 Linien Kaliber VJ 22. Das 13 Linien Basiswerk, (29.5 mm) VJ 23 wurde ab den 1940er zum Standardrohwerk, so auch bei Rolex, Vacheron und Audemars. Schließlich auch bei Patek. Für die zweite Generation Schleppzeiger Chronographen und auch für die berühmte Ref. 1518 wurden dann die Basiskaliber von Vajoux eingesetzt. Das Valjoux VJ 55 VBR Schleppzeigerwerk (39.3 mm) findet man dagegen heute selten (vgl. Los, © Lang, G.R./ Meis, R.: Chronograph Wristwatches, Kew Gardens 1993

Rolex wollte an dem wachsenden Marktsegment für Chronographen teilhaben. Die Marke bezog daher ihre Rohwerke von Valjoux und war mit den Referenzen 2021, 2022 und 2023 von Anfang an präsent. Alles einfache Chronographen. Der Rolex Mehrwert bestand in der hochwertigen Einschalung, der sorgfältigen ‚Reglage‘ und der ultrastrengen Ausgangskontrolle, die die Marke bis heute auszeichnen. Die Kunden bezahlen einen vollen Preis und erhalten einen reellen Wert.

 

Bei Patek wandte man sich dagegen an den Spezialisten für Komplikationen, das Maison Victorin Piguet. Victorin Piguet war an vielen wichtigen Konstruktionen, wie z.B. auch der berühmten Henry Graves Super Complication aus dem Jahr 1933 beteiligt. Die Ateliers wurden 1880 von Victorin und Alfred Piguet gegründet und ab den 1930er Jahren von Victorins Söhnen Jean-Victorin und Paul Piguet weitergeführt.

Victorin Piguet

Mit einfachen Chronographen konnte man sich im Markt für Armbanduhren nicht mehr profilieren. Der Auftrag von Patek an Victorin Piguet umfasste deshalb auch die Entwicklung einer Schleppzeiger Variante des Chronographen Uhrwerks im Armbanduhrenformat.

So wollte Patek Philippe seine Dominanz bei Komplikationen dokumentieren. Tatsächlich sind die ersten, in Serie gefertigten Armbandchronographen von Patek Exemplare mit Schleppzeigerwerken und nicht nur einfache Chronographen.

Patek ging es dabei weder um Höhe der Nachfrage noch um verfügbare Produktionskapazitäten. Nur eine Handvoll Chronographen mit ‚Rattrapante‘ für das Handgelenk sind aus den 1920er Jahren bekannt. Alle von Patek. Man hatte es geschafft, sich technisch vom Markt abzusetzen aber das Segment für Armbanduhren mit Schleppzeigerfunktion bleibt bis heute eine kleine Nische.

Die Uhr im Sale der MLG (Los 90) ist eines dieser Exemplare aus den 1920er Jahren und taucht erstmals am Auktionsmarkt auf.

Die Uhrwerke von Victorin Piguet sind technische Meisterleistung und Augenweide zugleich. Das soll der Vergleich eines 13 Linien (29.5 mm) Werkes von Victorin Piguet zum jüngeren 17 Linien (39.3 mm) Kaliber des Rolex Chronographen aus dem Los 101 zeigen.

Der Vergleich zwischen einem Victorin Piguet Schleppzeiger Kaliber (Lépine) mit nur 13 Linien (29.5 mm) und dem 17 Linienwerk (39.3 mm) von Valjoux aus Los 101 zeigt den Unterschied in Format und Verarbeitung (typisch für Victorin Piguet und heute Patek Philippe ist die Abdeckung der Säulenräder)

Der Kern der Marke Rolex liegt in Unterschied zu Patek darin, verlässliche, robuste Präzision industriell skalierbar zu machen. Mit dieser Strategie wurde von Beginn an ein wesentlich größerer Kundenkreis angesprochen, als bei Patek. Ein überragendes Preis-Leistungsverhältnis half Rolex, das größere Marktpotenzial auszuschöpfen.

 

Der Schleppzeiger Chronograph Ref. 4113 aus Los 101 war schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens ein Anachronismus für die Marke. Anfang der 1940er Jahre war Rolex mit der Ref. 3525 bereits Marktführer im Segment für einfache Chronographen, das zu Kriegszeiten einen Boom erfuhr. Der Konkurrenzvorteil war das ‚Oyster‘ Gehäuse. Eine praktische Innovation von großer Bedeutung für Armbanduhren, deren Werke stärker geschützt werden mussten als die von Taschenuhren. Das Segment für Armbanduhren mit Schleppzeiger Komplikation hatte sich dagegen nicht entwickelt, obwohl Venus mittlerweile Rohwerke im 14 Linienformat (31.7 mm) Format, passend für Armbanduhren anbot.

Einfacher Rolex Chronograph, 1940er Jahre, Ref. 3525 in ‚Pink Rolesor‘ mit echtem Gay Frères ‚Oyster‘ Armband, ©Christies 2019

Der Rolex Chronograph Ref. 4113 ist, wie die Patek in nur wenigen Exemplaren bekannt. Nur 12 Zähler liegen zwischen der höchsten und der niedrigsten, bekannten Seriennummer. Die Gründe dafür unterscheiden sich von Patek.

Rolex Ref. 4113 im Sale der Monaco Legend Group

Bei Rolex musste man sich 1942 im Klaren sein, dass eine solche Uhr kaum zu vermarkten wäre. Die Schleppzeiger Komplikation war keine Innovation mehr und außerdem wenig nachgefragt. Dazu war die Uhr wegen des 17 Linien Werkes, entgegen dem damaligen Zeitgeist, sehr groß. Genau das macht sie natürlich heute besonders attraktiv! Das eher nüchterne Stahlgehäuse deutet auf einen funktionalen Einsatz hin. Es wird vermutet, die Referenz 4113 sei auf Bestellung für einige Rennfahrer hergestellt worden.

Bisher bekannte Exemplare des Rolex Schleppzeiger Chronographen Ref. 4113

Es wäre interessant zu wissen, ob Sir Malcolm Campbell auch eine hatte! Campbell war damals Rolex Motorsport Markenbotschafter und bewarb die Rolex ‚Oyster‘.  Man sagt, die ersten Rolex Schleppzeiger Chronographen seien in England aufgetaucht. Sicher scheint, dass Campbell, Segrave, der erste Besitzer der Patek aus Los 90 und Hans Wilsdorf, Gründer von Rolex, einander kannten. Wahrscheinlich besuchten sie auch dieselben Veranstaltungen.  Wilsdorf war Bonvivant und fester Bestandteil der Londoner Society der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Der Rolex Schleppzeiger Chronograph in der Auktion allerdings kommt vom berühmten Sammler und Autor John Goldberger. Damit verfügt auch er über eine bekannte Herkunft

Hochgeschwindigkeitskarossen der Englischen Elite des frühen 20. Jahrhunderts: Sir Henry Segrave’s Sunbeam ‘Mystery’ 1927 und Sir Malcolm Campbell’s Rolls Royce ‘Bluebird’ 1933. Das Spiel ging um die höchste, über Land mit einem Automobil erzielbare Geschwindigkeit!

Die Provenienz des Schleppzeiger Chronographen von Patek bezeugt die Exklusivität des Hauses und seines Klientels. Diese Uhren waren nur wenigen Menschen vorbehalten aber sie haben ihren Wert nie verloren. Als Socialites des frühen 20. Jahrhunderts könnte man die Persönlichkeiten bezeichnen, mit denen diese einzigartige Uhr verbunden war. Reich, schön und jung ist eine sehr attraktive, aber auch kleine Zielgruppe.

Schönheit ist auch ausschlaggeben für den Wert der Uhren. Sie ergibt sich aus Design und Zustand. Das Design der Patek bringt den Geist der damaligen Zeit auf den Punkt. Zwischen erstem Weltkrieg und Wirtschaftskrise befand sich die Partygesellschaft in den Metropolen der Siegermächte in anhaltender Euphorie. Das 3-teilige ‚Tortue‘ - Gehäuse der Patek hat nichts mehr von den Taschenuhren, aus denen Armbanduhren wurden. Es erscheint fast zeitlos, wäre nicht das Zifferblatt mit seinen Art Deco Ornamenten. Breguet Ziffern und Zeiger sind heute Elemente, die man mit der Marke verbindet. So gelungen war die Komposition, dass Patek sie mit der Referenz 5950A-001/ CHR 27-525 PS im Jahr 2015 rezitierte.

Über den Zustand von Vintage Uhren kann man nur spekulieren, solange man sie nicht selbst in den Händen hält. Die Patek jedenfalls wurde in den Ateliers der Maison restauriert. Damit ist garantiert, dass der Wert des Uhrwerkes wieder hergestellt ist. Leider gibt es keine Werksabbildung.

Dreiteiliges, restauriertes Gehäuse des Patek Philippe Chronograph ‚Rattrapante‘ mit Gebrauchsspuren, ©Monaco Legend Group

Es ist extrem schwierig, abgetragenes Gehäusematerial aufzufüllen und dabei der Form ihre ursprüngliche Proportion zu erhalten. Von vorn schön anzusehen, sind die Margen zwischen Oberteil, Mittelteil und Boden nicht perfekt. Zu prüfen wären die Goldstempel. Befinden sich welche an der Gehäuseaußenseite, gibt ihr Zustand weitere Auskunft über Intensität der Restaurierungsarbeiten.

 

All entscheidend für den Wert von Vintage Uhren sind die Zifferblätter. Ein Vorteil früher Patek Zifferblätter liegt darin, dass man sie reinigen kann, ohne dabei die Graphik komplett zu verlieren. Die Graphik ist emailliert und nicht gedruckt. Gleichzeitig geht bei der Reinigung allerdings die Patina verloren. Das Blatt von Los 90 wirkt auf den Fotos eher weiß als elfenbeinfarbig.

Patek Philippe, Los 90, Leuchtmasse bei 10 Uhr, über dem 55 Minuten Marker; ©Christies

Auffällig sind auch die Leuchtpunkte auf dem Blatt. Die Zeiger verfügen über keine Leuchtmasse und passen zu den Breguet Ziffern. Dazu existiert ein zweites Exemplar mit der Werkenummer 198.086, das äußerlich übereinstimmt und auch keine Leuchtpunkte hat.

© Sotheby’s, Important Watches and Wristwatches 2006, Los 331, Werk Nr. 198.086, Los 90 der MLG hat das Werk 198.142

Es scheint ausgeschlossen, dass die Punkte auf dem Blatt aus Radium sind. Also sind sie wohl nachträglich aufgebracht. So fragt sich, warum man sie während der Restaurierung bei Patek nicht wieder entfernt hat. Die Antwort liegt vielleicht unter dem Leuchtpunkt bei 10 Uhr. Möglicherweise wollte man weitere Beschädigungen vermeiden und beließ deshalb die Leuchtpunkte.

 

Die Rolex wirkt auf den Fotos insgesamt stimmig. Alle sichtbaren Elemente wirken authentisch und passen in ihrem Zustand optisch zusammen. Das Gehäuse mit den angeflanschten Bandanstößen zeigt scharfe Kanten und die Gravur auf dem Boden ist klar lesbar. Die Krone stimmt mit den anderen bekannten Exemplaren, bis auf dem mit der Seriennummer 051314 überein. Bei dieser Uhr verfügt der koaxiale Drücker über Riefen.

Rolex Ref. 4113, Case 051314, Koaxialdrücker mit Riefen, ©Christie’s 2013

Wichtig ist auch hier das Zifferblatt. Insgesamt scheint der Erhaltungszustand aufgrund von Oxidation eher befriedigend. Andererseits gibt es auch keine offensichtlichen Spuren von Interventionen.  Die Schriftzeichen sind aufgedruckt und würden eine Reinigung kaum unbeschadet überstehen. Typischerweise ist bei diesem Modell die blaue Telemeter Skala ausgeblichen, so auch hier. Der Rolex Markenschriftzug ist für Mitte er 1940er Jahre periodengerecht und wirkt etwas angegriffen. Die Perlenkrone steht dagegen stark. Auch sie hat eine korrekte Form für die Periode. Lediglich der Kontrast zum Markennamen fällt ins Auge. Die Unterschiede in der Intensität der Schriftzeichen entstehen durch den Einsatz mehrerer Klischees für den Druck eines einzigen Blattes. Das ergibt mit der Zeit die Lebhaftigkeit, damit die Ausstrahlung und Wertigkeit seltener Uhren.

Es wäre schön, die Gelegenheit zu haben, selbst die Uhren zu untersuchen. Zusammenfassend kann man sagen, beide gehören zu den bedeutendsten Chronographen in der Geschichte der Armbanduhr. Die Rolex besticht mit ihrer, heute sehr tragbaren Größe von 43 mm. Beide Uhren vereinen Schönheit, Bedeutung und Seltenheit. Rolex hat seitdem nie wieder Schleppzeiger Chronographen angeboten und auch damals war es eine, bei der Marke selten gesehene Extravaganz. 

Die Patek in der Auktion ist eine der ersten Armbanduhren mit Schleppzeiger-Komplikation überhaupt. Bislang unbekannt, hat sie eine faszinierende Provenienz. Auch sie ist ein ästhetischer Genuss. Anders als die Rolex würde sie allerdings eher, wie früher schon einmal, dem Handgelenk einer selbstbewussten Frau zugutekommen.

Die Taxierung sieht die Rolex mit einer Range von € 2.8-5.6 mio. klar vor der Patek mit € 0.5- 1.0 mio. Es wird spannend, die Gebote zu verfolgen.

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